Offizieller Schwerkraftbesieger

Wenn die Liebste Geburtstag hat, schenkt Mann gerne Blumen, Parfum oder gar nichts, weil er's vergessen hat. Ich schenkte einen Bungeesprung und dachte mir, unten stehen und Fotos sowie zweifelhafte Kommentare zur Stabilität des Seils zu machen, während die Dame alleine springt, das ist doch blöd, also springst Du gleich mit. Nun habe ich zwar keine Angst vor Höhe und schon seit Jahren selbst den Traum, einmal Fallschirm zu springen, aber bislang blieb dieser Plan eben ein, nun ja, Traum. Der Gedanke, freiwillig in die Tiefe zu springen, war zwar einerseits sehr reizvoll, andererseits hatte ich keinen Zweifel daran, dass mir ganz schön die Pumpe gehen würde. Aber man ist ja Mann und keine Memme, also wurde ein Gutschein für einen Tandemsprung von einem Kran im Hamburger Hafen gekauft, verschenkt und als Termin gebucht. Die Dame war happy, ich war happy und der Termin lag lange in weiter Ferne, was mir, wenn ich ehrlich war, irgendwo auch ganz gut gefiel.

Bis neulich, als aus der weiten Ferne plötzlich morgen und dann heute Morgen wurde. Um 9 Uhr sollte unser Sprung stattfinden, um halb 7 bin ich bereits hellwach. Bei Gewitter sollte der Sprung kurzfristig seitens des Veranstalters abgesagt werden können, und so sehe jede kleine Wolke am sonst strahlend blauen Himmel hoffnungsvoll als Vorboten des Weltuntergangs an. Die Dame frühstückt ausgiebig, ich bin bereits nach zwei Schluck Wasser vollauf gesättigt. Kurz überlegt, ob ich eine akute Magenverstimmung vortäuschen soll. Dagegen entschieden. Das haben wir so bestellt, das wird jetzt so gegessen.

Am Hafen angekommen und vor dem Kran stehend. Gottistdashoch. 50 Meter sind in der Waagerechten schnell abgelaufen, in der Senkrechten aber durchaus imposant, wenn man weiß, dass man da runterfallen soll. Die frühmorgendliche Stille wird kurz durch das Geschrei der ersten Springer durchrissen. Ebenfalls ein Paarsprung. Sie kreischt, er ruft nach seiner Mutter, ich gucke die Liebste an, das könnten auch wir sein. Anmelden am Infostand, unterschreiben, dass man sich der physischen und psychischen Extrembelastungen bewusst und im Zweifelsfall Organspender sei, sofern denn noch etwas verwertbar wäre, im Fall des Falles. Er wäre hauptberuflich eigentlich Bestatter, meinte der Typ, der mir anschließend das Geschirr zum Springen anlegte. Dies sei sein erster Tag, aber er lerne schnell.

Mit angelegtem Geschirr gilt es danach, den Kran zu erklimmen. Enge, alte Treppen hinaufsteigen, das kennen die Liebste und ich schon aus dem Vatikan, das ist bekannt, da hat man Routine. Tatsächlich hat der Bungeesprung dem Petersdom hier sogar noch den Vorteil voraus, dass man die Treppen nur in eine Richtung nehmen muss. Und so ein alter Kran ist von innen tatsächlich ziemlich sehenswert, sofern man in der gegebenen Situation noch ein Auge dafür hat. Auf knapp 50 Metern, schon über den Dächern Hamburgs dann warten, bis das Paar vor uns gesprungen ist. Es dauert und es ist hoch, verdammt hoch. Mein Puls ist konstant irgendwo über der 200er-Marke angesiedelt. Langsam werde sie wieder müde und könne noch eine Runde schlafen, meint die Dame.

Wir werden aufgerufen. Die letzten Stufen steigen und Meter gehen, und dann steht man da plötzlich das erste Mal direkt am Abgrund, ohne Geländer und weiß, dass man da jetzt runter soll. Einfach so, mehr oder minder, denn der Gedanke an das Seil ist ein eher mäßiger Trost. Und dennoch - plötzlich war alles in Ordnung. Ich empfand sogar so etwas wie Vorfreude. 3, 2, 1, Bungee, und da flogen wir. Ein unheimlich tolles Gefühl, ich hätte es selber nicht gedacht. Ein viel zu kurzer Moment des freien Falls, das Abgebremst und wieder nach oben geschleudert werden durch das Seil, freier Fall, gebremst werden und dann ist der Spaß leider auch schon fast wieder vorbei. Man hängt kopfüber, dreht sich wild im Kreis und soll nach einer Stange greifen, die man vor lauter Drehen nicht sieht, um wieder auf festen Boden gezogen zu werden. Wenn man gerade 50 Meter freien Fall hinter sich hat, ist das auch keine Herausforderung mehr.

Fazit: Springt mehr Bungee! Die Liebste fand’s klasse, ich fand’s klasse, und das nächste Projekt ist bereits ins Auge gefasst: 220 Meter vom Verzasca Staudamm, von dem auch schon James Bond sprang. Nächster Sommer dann.

Um 9 Uhr an einem Sonntagmorgen Bungee zu springen, das sei tausendmal besser, als nach einer durchzechten Kiez-Nacht am Fischmarkt zu frühstücken, meinte der Geschirr-Typ vor dem Sprung noch zu mir. Er sollte recht behalten.

Vom Prokastinieren

Studenten sind faule Tunichtgute, die den ganzen Tag lang schlafen, trödeln und ständig nur wilde Partys feiern. Wer diesen Satz so unterschreiben kann, der mag im Bezug auf einige Exemplare unserer Gattung durchaus recht haben (ich müsste lügen, würde ich behaupten, solche Menschen nicht zu kennen), vergisst dabei aber die Konsequenz einer Erklärung, die viele Hochschulen einst in einer bekannten italienischen Hochschulstadt unterzeichneten. Die Bologna-Erklärung hat mir nicht nur falsche Erwartungen vermittelt, was es heißt, sich Bachelor nennen zu dürfen (nach meinem Abschluss wartete statt 22 willigen Frauen nur mein Masterstudium auf mich), sie hat auch dem altbekannten faulen Studentenleben nahezu den Garaus gemacht. Worte wie Präsenzstunden und Anwesenheitspflicht sorgen dafür, dass der Student von heute seine Hochschule auch mal von innen sehen muss, wenn er nicht in letzter Folge exmatrikuliert werden will. Prüfungen sind zu bestehen, und Hochschulen wie die meine nehmen dem Studenten sogar die Bürde ab, sich selbst für selbige eintragen zu müssen - zu bestreiten sind diese am Ende des jeweiligen Semesters, wie früher in der Schule. Und so sitze ich nun hier, mit meinem Exemplar des "Handbuch der Rechtspsychologie" und lese Dinge über Resilienz in der Entwicklung antisozialen Verhaltens, während eine kleine Essigfliege mir Gesellschaft leistet und fröhlich um meinen Kopf herumfliegt.

Bekanntlich ist in solchen Situationen ja so ziemlich alles andere auf der Welt spannender. Und so ist meine Wohnung gerade so sauber wie noch nie und ich habe diesen Blog wiederentdeckt, beschlossen, mehr zu schreiben, und mich von Wordpress als Blogsoftware zu verabschieden, weil ich jedes Mal, wenn ich denn was neues schreiben möchte, mit gefühlten hundert kritischen Updates konfrontiert werde, die unbedingt zuerst installiert werden wollen. Updates sind gut, weil sie zeigen, dass ein System weiterentwickelt wird, aber sehr nervig, wenn man sie alle zwei Wochen von Hand einspielen muss. Außerdem ist Wordpress über die Jahre zu einem riesigen Monster mit tausenden an Funktionen geworden, die zwar alle ziemlich spannend, aber für einen kleinen Blog wie dem meinen viel zu überdimensioniert sind. Und so habe ich mich auf die Suche nach einem neuen, kleineren System gemacht, Anchor gefunden, installiert, getestet und für gut befunden. Mein Design war binnen einer halben Stunde an das neue System angepasst und die alten Inhalte übernommen. Das Admin-Interface gefällt mir hier so gut, dass ich gar keine externe Software mehr zum Schreiben benutzen möchte. Außerdem hat es einen Anker als Logo, für mich, der ich nach vier Jahren Hamburg nun schon zu einem echten Seebär geworden bin, quasi perfekt.

Erwähnte ich, dass ich lernen muss?

Radioaktive Monster-Yetis

„Ich hatte ja schon immer eine Heidenangst vor radioaktiven Monster-Yetis!“

„Radioaktive Monster-Yetis.“

„Ja! Die meisten Menschen fürchten sich ja vor so einfachen Dingen wie Weltkriegen, Zombie-Apokalypsen oder irgendwelchen Krankheiten, Krebs oder AIDS. Dabei ist das doch alles schon mal da gewesen. Gut, eine Zombie-Apokalypse noch nicht, aber da gibt es ja schon so viele Filme darüber, da wird mir keiner sagen können, dass er nicht wüsste, wie er sich im so einem Fall verhalten solle. Bewaffnen mit allem was geht, verhindern, dass man selbst gebissen wird, und immer ein Radio in Hörweite haben, damit man informiert wird, sobald die Armee ein geschütztes Lager für alle gesunden Flüchtlinge aufgebaut hat. Das kennt man, das ist bekannt, das ist langweilig. Aber radioaktive Monster-Yetis! Das fängt schon damit an, dass wir bis heute zwar wissen, dass der Yeti existiert, aber nicht wie er aussieht, wie stark er ist und wie viele Yetis überhaupt auf der Welt leben. Vielleicht ist das gesamte Himalaya-Gebirge ausgehöhlt, und in seinem Inneren befindet sich eine riesige Yeti-Stadt, mit Millionen von Bewohnern! Vielleicht sind sie uns technisch weit überlegen und bereiten gerade schon die Übernahme der Weltherrschaft vor, und das Einzige, was sie daran hindert ist die Tatsache, dass sie, im Vergleich zu uns Menschen, doch viel zu wenige sind, um uns zu unterjochen.
Aber jetzt lass da mal versehentlich eine Atombombe drauffallen, oder die Yetis ein neues Uranvorkommen im Berg entdecken! Die Radioaktivität wird dafür sorgen, dass sie grün leuchten, limonengrün, wird ihre Stärke und Intelligenz vervielfachen, und dafür sorgen, dass sie uns Menschen endgültig überlegen sind. Und DANN greifen sie uns an! Wir hätten keine Chance! Binnen weniger Tage wäre die komplette Menschheit ausgerottet, oder als Sklaven dem Willen der Yetis unterworfen.“

Ich neige meinen Kopf nach links in Richtung des Kellners, der bereits seit einer halben Stunde darauf bedacht war, immer möglichst in Hörweite unseres Tisches zu bedienen, und bedeute ihm, die Rechnung zu bringen. Er nickt mit dem Ausdruck professioneller Freundlichkeit und hoher Seriosität, wie man sie in einem derart teuren Lokal wie diesem von Kellnern erwarten durfte, doch bereits als er sich in Richtung der Kasse wendet, beginnen seine Gesichtszüge zu entgleisen und er muss sich wahrscheinlich stark zusammenreißen, um nicht laut loszulachen über das Apokalypse-Szenario, das meine Verabredung für den heutigen Abend gerade gezeichnet hatte.
Mir selbst war nicht mehr zu Lachen zumute, ich wollte nur noch weg. Die Rechnung zahlen, das Restaurant so schnell wie möglich verlassen, und hoffen, dass mein Date feinfühlig genug war, mich einfach ziehen zu lassen und nicht auf eine zweite Verabredung bei einer Ufo-Sichtung oder beim monatlichen Stammtisch der Scientologen zu pochen.

Ein Fluch, genau. Es musste ein Fluch sein. Sicherlich hatte vor hunderten von Jahren einer meiner Urururururopas einen Handel mit dem Teufel geschlossen, um sich eine neue Kutsche leisten zu können, oder was auch immer damals gerade angesagt und unerreichbar teuer war. Und anders als in den typischen Horrorfilmen hat er dafür nicht seine Seele verkaufen müssen, sondern nur das Liebesleben des ersten zukünftigen Sprosses seiner Familie, welcher männlich, 1,85m groß, braunäugig und blond ist, und ein Tattoo am rechten Oberarm trägt. Mit diesem Liebesleben würde der Teufel machen können, was er will - und der Teufel quält bekanntlich gerne.
Der Glückliche, der nun Opas Kutsche abbezahlen muss, bin ich. Anders kann ich mir die Kapriolen, die mein Liebesleben schlägt, seitdem ich eins habe, nicht mehr erklären. Ich lernte Frauen kennen, die gerne ein Mann wären, und welche, die es bei näherer Betrachtung bereits waren. Ich führte Beziehungen mit Frauen, die mir eine Hundemaske und Leine verpassen und mit mir Gassi gehen wollten, und Frauen, mit denen ich selbst Gassi gehen sollte. Ich schlief mit Frauen, die dabei weinten, lachten, mich beschimpften, schlugen und anpinkeln wollten. Ich wurde für andere Männer verlassen, für andere Frauen, und in einem ganz speziellen Fall für einen Schäferhund. Ich selbst trennte mich von Frauen, die mich nach der ersten Phase der Verliebtheit ihrem Gott opfern und/oder wortwörtlich zum Fressen gern hatten. Ja, man kann ohne Übertreibung behaupten, dass ich so ziemlich jeden Abgrund der menschlichen Psyche allein dank meines Fortpflanzungstriebes erforschen durfte.

Im Vergleich dazu war die Yeti-Dame geradezu enttäuschend normal. Aber das sind sie immer, zu Anfang, beim Kennenlernen. Ich mache mir eine geistige Notiz, dem gemeinsamen Bekannten, der es für eine gute Idee hielt, mich mit ihr zu verkuppeln, bei unserem nächsten gemeinsamen Bowlingabend ins Bier zu spucken. "Die sieht super aus, ist nett und würde total gut zu dir passen!" Ich Depp musste ihm natürlich glauben. Und wurde noch nichtmal misstrauisch, als sie nach Betreten des Lokals zunächst unseren Tisch zwei Meter nach rechts schob, unangenehm nah an einen Nachbartisch. Weil er zuvor auf einer Wasserader gestanden habe, und das schlecht für das Chi sei. Mittlerweile sollte ich es echt besser wissen. Aber wie gesagt, zu Anfang sind sie alle ganz nett und normal. Vielleicht blieben sie das auch bei jedem anderen Mann, nur ich mit meinem Fluch fördere direkt ihre tiefsten Abgründe zutage. So wie bei meiner heutigen Begleitung, die nach der Vorspeise bereits einen Heiratstermin (12.12.2012 um 12 Uhr 12) sowie Namen für unsere zukünftigen gemeinsamen Kinder (Jan-Justin und Clara-Celine), unser Auto (Raumschiff-Brumm-Brumm) und mich (Knuffi-Kuschelbär) gefunden hatte. Der Nachbartisch war übrigens für zwei meiner Arbeitskollegen reserviert, die zu Beginn noch schmunzelten, mittlerweile aber ziemlich unverhohlen grinsen. Das wird lustig, morgen im Büro.

Der Kellner bringt mir mit den Worten „Yeti an Sie, oder zahlen Sie getrennt?“ die Rechnung. Der Nachbartisch ist vor Lachen nicht mehr zu halten. Ich zahle, stehe auf, helfe meinem Yeti in seinen Mantel und verlasse mit ihr schnellstmöglich das Lokal. Vor der Tür täusche ich einen akuten Migräneanfall vor, winke ein Taxi herbei und verspreche meinem Date, mich bei ihr zu melden, noch bevor sie am Morgen im Norden die Sonne aufgehen sieht - und bin sie endlich los.
Ich gehe zu meinem Auto, steige ein und mache mich auf den Heimweg. Und während der Nachrichtenmoderator im Radio davon erzählt, dass im tibetischen Hochland eine beunruhigend hohe Radioaktivität gemessen wurde, komme ich zu dem Schluss, dass ich wohl besser für immer Single bleiben sollte.